Mein Barrio
Sonntags wird meine Strasse immer fuer Autos gesperrt, weil dann in San Telmo ein Antiquitaetenmarkt stattfindet. Der Plaza Dorrego ist voll von Antiquitaetenhaendlern, in Gallerien und Garagen im Viertel verkaufen Designer ihre Klamotten, die Strassen sind gespickt von Handwerkern und Kuenstlern, ueberall wir Tango getanzt, und was besonders nett ist, an jeder Ecke spielt jemand Life-Musik. Neben meinem Hauseingang spielt immer eine 8-koepfige Tangoband inklusive Klavier.
Der Ruf San Telmos war wohl vor einigen Jahren mal nicht so gut, anscheinend handelte es sich eher um ein ärmeres Viertel. Heute ist es sehr bunt gemischt, es wohnen jetzt viele Hausbesitzer selber in ihren Häusern, der Künstleranteil ist relativ hoch, so das man in fast jeder Straße eine kleine Kunstgalerie findet. Außerdem ist der Ausländeranteil (US-Amerikaner, Europäer, einige Equatorianer und Kolumbianer) sehr hoch. Schon intersessant: während Argentinier, die zum studieren und arbeiten in die Hauptstadt kommen, eher Viertel wie Palermo und Recoleta zum Wohnen (und auch abends weggehen) bevorzugen, verschlägt es vor allem die Europäer und US-Amerikaner eher nach San Telmo. In Palermo und Recoleta wohnt man in sehr edel eingerichteten Wohnhochhäusern mit Pförtner und Tiefgarage, die Bars und Restaurants sind eher "stylisch", Straßen und Bürgersteige besser in Stand gehalten als hier in San Telmo, und die Armut dringt auch meistens nicht so sehr in diese Viertel ein. Ich glaube diese Präferenz für das Chique, die man hier und in Brasilien in noch viel größerem Maße antrifft, rührt daher, das man sich, wenn man ein bisschen Geld hat, von der größeren ärmeren Bevölkerungsgruppe abgrenzen möchte.
Naja, aber zurück zu San Telmo: obwohl es sich in den letzten Jahren auch eher zu einem teureren Wohnviertel entwickelt hat (von uns Ausländern verlangt man gar Mieten, die an die in Deutschland herankommen), trifft man noch oft auf Armut , bzw. auf Menschen die ein einfacheres Leben führen. Kritische Beobachter würden das Viertel vielleicht auch als ein bisschen schmutzig und teilweise heruntergekommen bezeichnen. Aber irgendwie leben hier alle so nett zusammen, so führt man mal ein Gespräch mit einem Falklandveteranen, der einen höflich um 10 Centavos (2,5 Cent) bittet und sich dann auch direkt danach erkundigt was man denn hier mache und wie es einem gefalle, mal mit dem immer leicht alkoholisierten Ohringverkäufer, der einem seine Lebensgeschichte erzählt. Man mag mich naiv nennen und behaupten, dass diese Leute ja nur auf Ausländer wie mich warteten, Europäer und Nordamerikaner, die immer ein bisschen Geld geben, wenn man sie nur höflich fragt und ihnen das Gefühl gibt, wir seien doch alle eine grosse Gemeinschaft und mit ihrer kleinen Spende könnten sie ein vielleicht bisschen die Welt verbessern. Da mag vielleicht etwas Wahres dran sein, aber trotzdem glaube ich, dass diese Menschen auch oft einfach nur wollen, dass man ihnen zuhört, egal ob man ihnen nun Geld gibt oder nicht. Und bisher hatte ich auch fast jedesmal das Gefühl wieder etwas von diesem Land oder Kontinent kennenzulernen. Der
Und ein weiterer Vorteil daran in San Telmo zu wohnen ist, dass ich nur noch ungefaehr zehn Minuten brauche um zu Fuss zur Uni zu gehen.
