Mein Barrio

Seit vier Wochen wohne ich nun wieder in San Telmo, dem Viertel in dem wir auch ganz am Anfang gewohnt haben. Adresse: Defensa 833, 1º piso, dept. 9, Capital Federal (links seht ihr die Fassade hinter der sich mein Haus verbirgt). San Telmo ist mein Lieblingsviertel in Buenos Aires, es ist ein bisschen wie ein kleiner Ort in dem man jeden kennt, den Mann vom Kiosk, den Zeitungsverkäufer, die Handwerker, die am Plaza Dorrego ihren selbstgebastelten Schmuck verkaufen... Außerdem ist das Viertel sehr schön, die Häuser sind weitestgehend zweistöckige Kolonialstilbauten, die Straßen aus Kopfsteinplaster, es gibt relativ viele Bäume, einen hübschen Platz und einen kleinen Park. Abends ist immer ziemlich viel los, da die Konzentration von Bars und Restaurants hoch ist. Direkt nebenan steht meine Lieblingsparilla, das Desnivel, die einen für 16 Pesos (4 Euro) mit einem großen, äußerst leckeren Stück Lomo (Tenderloin Steak) versorgt. Meine Lieblingsbar, das Guevara, steht natürlich auch in San Telmo, 4 Blocks entfernt. Sie ist im Gegensatz zu vielen Bars die man in Palermo findet, nicht so durchgestylt, sondern einfach eine kleine, ein bisschen schummerige, und immer volle Bar, mit günstigem Bier.
Sonntags wird meine Strasse immer fuer Autos gesperrt, weil dann in San Telmo ein Antiquitaetenmarkt stattfindet. Der Plaza Dorrego ist voll von Antiquitaetenhaendlern, in Gallerien und Garagen im Viertel verkaufen Designer ihre Klamotten, die Strassen sind gespickt von Handwerkern und Kuenstlern, ueberall wir Tango getanzt, und was besonders nett ist, an jeder Ecke spielt jemand Life-Musik. Neben meinem Hauseingang spielt immer eine 8-koepfige Tangoband inklusive Klavier.

Der Ruf San Telmos war wohl vor einigen Jahren mal nicht so gut, anscheinend handelte es sich eher um ein ärmeres Viertel. Heute ist es sehr bunt gemischt, es wohnen jetzt viele Hausbesitzer selber in ihren Häusern, der Künstleranteil ist relativ hoch, so das man in fast jeder Straße eine kleine Kunstgalerie findet. Außerdem ist der Ausländeranteil (US-Amerikaner, Europäer, einige Equatorianer und Kolumbianer) sehr hoch. Schon intersessant: während Argentinier, die zum studieren und arbeiten in die Hauptstadt kommen, eher Viertel wie Palermo und Recoleta zum Wohnen (und auch abends weggehen) bevorzugen, verschlägt es vor allem die Europäer und US-Amerikaner eher nach San Telmo. In Palermo und Recoleta wohnt man in sehr edel eingerichteten Wohnhochhäusern mit Pförtner und Tiefgarage, die Bars und Restaurants sind eher "stylisch", Straßen und Bürgersteige besser in Stand gehalten als hier in San Telmo, und die Armut dringt auch meistens nicht so sehr in diese Viertel ein. Ich glaube diese Präferenz für das Chique, die man hier und in Brasilien in noch viel größerem Maße antrifft, rührt daher, das man sich, wenn man ein bisschen Geld hat, von der größeren ärmeren Bevölkerungsgruppe abgrenzen möchte.

Naja, aber zurück zu San Telmo: obwohl es sich in den letzten Jahren auch eher zu einem teureren Wohnviertel entwickelt hat (von uns Ausländern verlangt man gar Mieten, die an die in Deutschland herankommen), trifft man noch oft auf Armut , bzw. auf Menschen die ein einfacheres Leben führen. Kritische Beobachter würden das Viertel vielleicht auch als ein bisschen schmutzig und teilweise heruntergekommen bezeichnen. Aber irgendwie leben hier alle so nett zusammen, so führt man mal ein Gespräch mit einem Falklandveteranen, der einen höflich um 10 Centavos (2,5 Cent) bittet und sich dann auch direkt danach erkundigt was man denn hier mache und wie es einem gefalle, mal mit dem immer leicht alkoholisierten Ohringverkäufer, der einem seine Lebensgeschichte erzählt. Man mag mich naiv nennen und behaupten, dass diese Leute ja nur auf Ausländer wie mich warteten, Europäer und Nordamerikaner, die immer ein bisschen Geld geben, wenn man sie nur höflich fragt und ihnen das Gefühl gibt, wir seien doch alle eine grosse Gemeinschaft und mit ihrer kleinen Spende könnten sie ein vielleicht bisschen die Welt verbessern. Da mag vielleicht etwas Wahres dran sein, aber trotzdem glaube ich, dass diese Menschen auch oft einfach nur wollen, dass man ihnen zuhört, egal ob man ihnen nun Geld gibt oder nicht. Und bisher hatte ich auch fast jedesmal das Gefühl wieder etwas von diesem Land oder Kontinent kennenzulernen. Der Ohrringverkäufer hat mir zum Beispiel erzählt, dass er eigentlich immer am Plaza Dorrego seine Sachen verkaufte, dann aber vor einigen Wochen ausgeraubt wurde. Nachdem er Anzeige erstattet hatte, stellte sich heraus, dass die Polizei die Diebe wohl kenne aber trotzdem keinen Finger rühren würde. Die Diebe wohnen auch in San Telmo und gebähren sich anscheinend als Plaza-Dorrego-Mafia. Sie haben sich aufs Klauen spezialisiert und die Polizisten erhalten im Gegenzug für ihre Untätigkeit kleine Spenden. Nachdem ihm nun auch noch gedroht wurde, dass man ihn wieder ausrauben würde, verkauft er nicht mehr auf besagtem Platz. Nun frage ich mich jedesmal wie hoch die Schutzgelder wohl sind, die die Handwerker am Platz dafür zahlen, dass sie ihre Sachen dort verkaufen dürfen...? Da muss man sich auch nicht mehr wundern, dass es für die Argentinier gar keine Frage war ob die Schiedsrichter während der WM von der FIFA gekauft worden waren.
In diesem schönen Viertel wohne ich nun, in einer Dreier-WG mit zwei Argentiniern. Die Wohnung ist sehr nett und befindet sich in einem Altbau, mitten in einem Häuserblog, so dass ich vom Strassenlärm nun verschont bleibe. Allerdings sorgt der Innenhof dafür, dass ich schon die Stimmen, Familienverhältnisse etc. aller Mitmenschen im Haus kenne. Leider sind meine Mitbewohner selten zu Hause, so dass ich quasi alleine wohne, was mir nicht so gut gefaellt. Aber im Nachbarhaus wohnen drei deutsche Maedels und zwei Argentinier, bei denen ich immer mal vorbeischaue und ueberhaupt wohnen fast alle die ich kenne hier in San Telmo.
Und ein weiterer Vorteil daran in San Telmo zu wohnen ist, dass ich nur noch ungefaehr zehn Minuten brauche um zu Fuss zur Uni zu gehen.

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